Woran sich Schlaghemmung zeigt
Ein Mensch kann wissen, wie ein Schlag ausgeführt wird, und ihn trotzdem vor dem Kontakt abbrechen. Die Hand wird langsam, der Körper weicht zurück oder die Bewegung endet wenige Zentimeter vor dem Polster. Andere führen die Technik aus, entschuldigen sich aber sofort und unterbrechen die Übung. Solche Reaktionen werden im Selbstverteidigungstraining häufig als Schlaghemmung bezeichnet.
Der Begriff beschreibt ein Verhalten, keine einheitliche Ursache. Manchmal fehlt Vertrauen in die Technik. Manchmal besteht Angst vor der Reaktion des Partners. Wieder andere haben grundsätzlich Schwierigkeiten damit, einem Menschen mit körperlichem Nachdruck entgegenzutreten. Für den Trainingsaufbau macht es einen erheblichen Unterschied, was davon zutrifft.
Schlaghemmung betrifft Frauen und Männer. Gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Erfahrungen können beeinflussen, wie vertraut jemand mit körperlicher Auseinandersetzung ist. Aus dem Geschlecht allein lässt sich die Reaktion einer einzelnen Person aber nicht vorhersagen. Deshalb beginnt die Arbeit mit dem tatsächlichen Verhalten im Training.
Warum Zurückhaltung im Ernstfall zum Problem werden kann
Im normalen Zusammenleben wird körperliche Gewalt unterdrückt. Wir lernen, Konflikte mit Worten auszutragen, Rücksicht zu nehmen und andere Menschen nicht zu verletzen. Diese Gewohnheiten verschwinden nicht automatisch, sobald eine Situation bedrohlich wird. Selbst wer die Gefahr erkennt, kann zunächst weiter auf Einsicht hoffen oder auf eine ausdrückliche Erlaubnis warten, sich zu wehren.
Bei einer bekannten Person kann die Hemmung besonders schwer einzuordnen sein. Der andere ist zugleich Kollege, Bekannter oder Partner und verhält sich jetzt übergriffig. Die bisherige Beziehung passt nicht zu dem, was gerade geschieht. Manche Menschen suchen deshalb erst nach einer Erklärung, bevor sie auf das aktuelle Verhalten reagieren.
Urban Defense arbeitet an diesem Übergang. Wer angegriffen wird, soll die eigene Gegenwehr nicht aus falsch verstandener Rücksicht abbrechen. Dazu müssen körperliche Fähigkeiten und die Bereitschaft, sie einzusetzen, gemeinsam entwickelt werden. Eine Technikvorführung erreicht diesen Teil der Ausbildung kaum.
Technisches Problem oder mentale Hemmung?
| Beobachtung | Was dahinterstehen kann | Was im Training geklärt wird |
|---|---|---|
| Die Bewegung stoppt auch am ruhenden Polster. | Unsicherheit über Kontakt oder Ausführung | Versteht die Person die Bewegung und kann sie sie langsam ausführen? |
| Am Gerät gelingt der Schlag, beim Partner nicht. | Rücksicht, Angst vor Gegenkontakt oder unklare Rollen | Welche konkrete Erwartung verändert sich durch den Partner? |
| Die Person beginnt erst nach mehrmaliger Aufforderung. | Zögern bei der Entscheidung | Woran soll sie den Beginn erkennen? |
| Nach dem ersten Kontakt wird sofort angehalten. | Gewohnter Übungsabschluss oder Sorge vor der Fortsetzung | Wann ist die Übung tatsächlich beendet und was gehört noch dazu? |
Die Tabelle hilft bei der Beobachtung. Sie ersetzt nicht das Gespräch mit der trainierenden Person. Eine von außen vorsichtig wirkende Bewegung kann etwa durch eine unsichere Fußstellung entstehen. Wird dann nur mehr Aggressivität verlangt, bleibt die eigentliche Schwierigkeit bestehen.
Eine hilfreiche Frage lautet: „Was hat Sie in diesem Moment gebremst?“ Die Antwort kann überraschend konkret sein. Vielleicht bewegte sich das Polster im letzten Augenblick. Vielleicht war unklar, ob nachgesetzt werden sollte. Solche Unklarheiten lassen sich unmittelbar bearbeiten.
Wie entschlossene Gegenwehr aufgebaut wird
Zunächst braucht die Person eine Bewegung, die sie versteht. Das Polster gibt einen eindeutigen Kontaktbereich vor, der Beginn ist bekannt und der Trainer korrigiert den Ablauf. Wer bereits hier ständig abbricht, bekommt Zeit für weitere Wiederholungen. Ein verlässlicher Partner erleichtert es, sich auf die eigene Ausführung zu konzentrieren.
Anschließend verändern sich einzelne Bedingungen: die Entfernung, die Anfangsposition oder die Bewegung des Polsterhalters. Die trainierende Person erlebt, dass sie auch dann handeln kann, wenn der Ablauf nicht vollkommen identisch ist. Aus einer erfolgreichen Wiederholung wird auf diese Weise schrittweise eine breiter verfügbare Fähigkeit.
Danach kommt die Entscheidung hinzu. Nicht jedes Näherkommen ist ein Angriff; nicht jede Ansprache erfordert körperliche Gegenwehr. In einer Übung kann der Partner verschiedene vorher besprochene Verhaltensweisen zeigen. Die Person muss erkennen, welche Reaktion zur Situation gehört. So wird die Hemmung am tatsächlichen Übergang zur Gegenwehr bearbeitet.
Kontakt und Körperbewegung an einem ruhenden Polster üben.
Abstand und Anfangsposition verändern, ohne jedes Mal eine neue Technik einzuführen.
Ansprache, Bedrängung und körperlichen Beginn unterscheiden.
Nach dem Kontakt weiter orientiert bleiben und auf Veränderungen reagieren.
Angriffsaggression bei Urban Defense
Urban Defense beschreibt einen wichtigen Teil der Ausbildung als Wechsel von Angstverteidigung zu Angriffsaggression. Damit ist gemeint, eine gewaltsame Konfrontation nicht ausschließlich durch Zurückweichen und Abwarten zu beantworten. Die eigene Gegenwehr soll entschlossen, körperlich und mit Nachdruck erfolgen.
Dafür muss niemand erst wütend werden. Wut kann viel Energie freisetzen, aber sie kann auch dazu führen, dass jemand unkoordiniert vorwärtsgeht oder Veränderungen übersieht. Im Training arbeiten wir an einer Gegenwehr, die auch ohne aufgesetztes Brüllen oder eine gespielte aggressive Rolle ausgeführt werden kann.
Die persönliche Ausdrucksweise darf dabei unterschiedlich sein. Manche Menschen werden laut, andere bleiben knapp und konzentriert. Der Maßstab ist, ob sie die geübte Handlung umsetzen, ob ihre Bewegung kräftig genug wird und ob sie nach einem misslungenen Ansatz weiterreagieren können.
Was Angst mit der Bewegung macht
Renden und Kollegen untersuchten 13 Polizeibeamte bei Festnahme- und Selbstverteidigungsaufgaben unter unterschiedlich hoher Angst. Unter höherer Angst verschlechterte sich die bewertete Leistung. Zugleich zeigten sich schnellere und stärker ausweichende Bewegungen. Die Personen reagierten also teilweise rascher, führten die jeweilige Technik aber schlechter aus. Renden et al., 2014.
Für die Trainingsplanung ist diese Unterscheidung nützlich: Eine hektische Bewegung kann sehr schnell aussehen und trotzdem am beabsichtigten Kontakt vorbeigehen. Der Trainer muss daher beobachten, was sich unter Belastung verändert. Weicht die Person mit dem Oberkörper aus? Verkürzt sie die Bewegung? Wartet sie länger, obwohl sie den Beginn erkannt hat?
Die Ergebnisse stammen aus einem kleinen polizeilichen Versuch und untersuchen nicht jede Form von Schlaghemmung. Sie zeigen jedoch ein konkretes Problem, das auch im Training sichtbar werden kann: Technisches Können und seine Ausführung unter Bedrohung sind unterschiedliche Lernschritte.
Partnerwechsel und Wiederholung
Mit einem vertrauten Trainingspartner kann eine Übung bald problemlos gelingen. Bei einer anderen Körpergröße, einer anderen Stimme oder einer ungewohnten Bewegung taucht die Hemmung möglicherweise wieder auf. Solche Unterschiede gehören in den Trainingsverlauf. Sie zeigen, unter welchen Bedingungen sich die Person bereits auf ihre Fähigkeiten verlassen kann.
Partnerwechsel sollten deshalb nicht nur für Abwechslung sorgen. Es lohnt sich, gezielt zu beobachten, was sich verändert: der Abstand, die Art der Ansprache, das Tempo oder die Erwartung einer Gegenreaktion. Danach wird an genau diesem Punkt weitergearbeitet.
Auch kurze Wiederholungen am Beginn späterer Einheiten sind wertvoll. Eine einmal bewältigte Hemmung kann unter neuen Bedingungen wieder auftauchen. Das macht den bisherigen Fortschritt nicht wertlos. Es zeigt, welche Erfahrungen noch fehlen.
Woran Fortschritt erkennbar wird
Fortschritt zeigt sich im Ablauf: Die Person beginnt ohne erneute Aufforderung, nimmt die Bewegung nicht mehr vor dem Kontakt zurück oder bleibt nach einer misslungenen Wiederholung im Ablauf. Solche Veränderungen lassen sich genauer benennen als das allgemeine Urteil, jemand wirke jetzt selbstbewusster.
Die eigene Wahrnehmung gehört zur Auswertung. Ein äußerlich kräftiger Durchgang kann sich für die Person noch unsicher angefühlt haben. Umgekehrt kann sie nach einer einfachen Übung erstmals merken, dass sie tatsächlich mit Nachdruck handeln kann. Beides hilft bei der Planung der nächsten Einheit.
Im Personal Training lässt sich gezielt an solchen persönlichen Hemmungen arbeiten. In einer Gruppe kommen wechselnde Partner und unterschiedliche Reaktionen hinzu. Beide Formen können den Übergang von der bekannten Technik zur entschlossenen Gegenwehr unterstützen.
Quellen
- Renden et al.: Angst und die Ausführung von Selbstverteidigungsfertigkeiten
- Renden et al.: Reflexbasiertes Training unter Druck





