01 / Training

Ausgangslagen und persönliche Voraussetzungen

Welche Situationen im Training vorkommen sollten

Übergriffe können durch Unbekannte und im bekannten Umfeld entstehen. Bekanntschaft, berufliche Rolle oder soziale Nähe verändern, wie eine Grenzüberschreitung wahrgenommen und beantwortet wird.

Ein sinnvoller Kurs muss diese Kontexte berücksichtigen. Die Aufgabe kann darin bestehen, eine erkannte Bedrängung nicht weiter zu verharmlosen, eine Unterhaltung zu beenden oder den Übergang zu körperlicher Gegenwehr zu bewältigen.

Dabei haben Frauen unterschiedliche Erfahrungen und Voraussetzungen. Eine pauschale Annahme über Ängstlichkeit, Fitness oder Durchsetzungsvermögen wird dem Einzelnen nicht gerecht. Das Training beginnt mit den tatsächlichen Voraussetzungen der Gruppe.

Unterschiedliche Erfahrungen und Ziele

Frauen bringen unterschiedliche Körper, Erfahrungen und Ziele ins Training. Einige sind körperlich leistungsfähig und möchten ihre vorhandenen Fähigkeiten auf Selbstschutz übertragen. Andere haben kaum Sporterfahrung, möchten Grenzen deutlicher setzen oder nach einer belastenden Erfahrung wieder mehr Zutrauen gewinnen. Ein Kurs muss diese Unterschiede erkennen.

Der Trainer muss diese Voraussetzungen kennenlernen. Er beobachtet, wie die Teilnehmerin auf Nähe, Kontakt und Widerspruch reagiert. Daran lässt sich anknüpfen, auch wenn andere Frauen in derselben Gruppe ganz andere Schwierigkeiten haben.

Das Ziel ist zusätzliche Handlungsfähigkeit. Niemand trägt die Verantwortung für einen Übergriff, weil ein Training fehlte oder eine Gegenwehr nicht gelang. Gleichzeitig kann das Erarbeiten körperlicher und verbaler Möglichkeiten eine aktive Entscheidung für den eigenen Selbstschutz sein.

Mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen trainieren

Größe und Kraft sind in einer körperlichen Auseinandersetzung relevant. Bei der Auswahl von Bewegungen müssen Reichweite, Körpergewicht und Haltekraft berücksichtigt werden.

Stattdessen muss es zeigen, welche Aufgaben mit den verfügbaren Mitteln bearbeitet werden können. Körperstruktur, Bewegung, Entschlossenheit und der Umgang mit Nähe werden praktisch überprüft. Ein kooperativer Partner kann dabei technische Grundlagen vermitteln; später muss eigener Widerstand hinzukommen.

Grenzen erkennen

Konkretes Verhalten und den Zusammenhang der Situation erfassen.

Entscheidungen treffen

Eine erkannte Grenze mit einer tatsächlichen Handlung verbinden.

Körperlich arbeiten

Kontakt, Bewegung und Gegenwehr an den eigenen Voraussetzungen ausrichten.

Unter Veränderung handeln

Die Aufgabe auch bearbeiten, wenn Ablauf und Reaktion des Partners variieren.

02 / Training

Übergriffe im bekannten Umfeld

Warum das soziale Umfeld mit ins Training gehört

Das Bild vom anonymen Angreifer im dunklen Park ist nur eine mögliche Ausgangslage. Übergriffe und Grenzverletzungen können auch in vertrauten Beziehungen, beim Ausgehen, am Arbeitsplatz oder durch Bekannte entstehen. Die Beziehung zum Gegenüber verändert dann, wie eine Situation gedeutet wird und welche Hemmungen auftreten.

Eine Person möchte vielleicht zunächst nicht glauben, dass ein Bekannter eine eindeutige Grenze missachtet. Sie versucht, sein Verhalten mit Alkohol, einem Missverständnis oder einer vermeintlich harmlosen Absicht zu erklären. Für die Ausbildung ist entscheidend, ob die tatsächlich beobachtete Handlung noch ernst genommen wird.

Szenarien können diese Spannung aufnehmen. Dazu gehören eine erkennbare soziale Rolle, eine klare Ausgangslage und ein Verhalten, das sich verändert. Im Anschluss wird besprochen, was die Person wahrgenommen und wodurch sie ihre Entscheidung begründet hat. Ein austauschbarer Angriff auf Kommando bildet diesen Teil der Aufgabe nicht ab.

Warum die Entscheidung zur Gegenwehr Zeit kosten kann

Eine Bedrohung zu bemerken und sie sich einzugestehen sind nicht immer derselbe Schritt. Eine Teilnehmerin kann ein Verhalten längst als unangenehm empfinden und trotzdem weiter nach einer harmlosen Erklärung suchen. Gerade bei Bekannten können die bisherigen Erfahrungen gegen die aktuelle Beobachtung stehen.

Hinzu kommen Erwartungen an das eigene Verhalten: freundlich bleiben, niemanden bloßstellen, einen gemeinsamen Abend nicht verderben. Im Training wird deshalb nicht nur nach der körperlichen Technik gefragt. Auch der Moment, in dem die Teilnehmerin ihr eigenes Handeln verändert, wird besprochen.

Ein Rollenspiel kann zunächst mit einem normalen Gespräch beginnen. Der Partner verändert schrittweise sein Verhalten. Die Teilnehmerin entscheidet, wann sie eine Grenze ausspricht, ihre Position verändert oder das Gespräch beendet. Anschließend lässt sich rekonstruieren, welche Hinweise sie früh bemerkt und welche sie zunächst anders erklärt hat.

03 / Training

Körperliche Gegenwehr trainieren

Kraftunterschiede ernst nehmen

Größe, Körpermasse, Reichweite und Kraft beeinflussen eine körperliche Auseinandersetzung. Technik kann beeinflussen, wie vorhandene Fähigkeiten genutzt werden. Sie macht die Unterschiede aber nicht unsichtbar. Deshalb ist es sinnvoll, Aufgaben mit unterschiedlichen Partnern zu prüfen.

Ein Ablauf, der mit einem entgegenkommenden Partner gelingt, kann bei stärkerem Widerstand ein anderes Problem zeigen. Vielleicht passt die Bewegung nicht zur Nähe. Vielleicht verlangt sie zu viel Haltekraft. Vielleicht funktioniert der Einstieg, aber der folgende Übergang bleibt offen. Solche Ergebnisse sollen die Auswahl verbessern.

Urban Defense setzt deshalb auf ein überschaubares Repertoire und konsequente körperliche Umsetzung. Für Anfängerinnen ist nicht die größtmögliche Zahl verschiedener Techniken entscheidend, sondern die Möglichkeit, wenige Grundlagen tatsächlich zu erarbeiten und miteinander zu verbinden.

Was ein passender Kurs zusammenbringt
01
Wahrnehmung und Beziehung

Das Verhalten zählt, auch wenn die Person bekannt ist oder eine vertraute Rolle hat.

02
Grenze und Entscheidung

Die eigene Einschätzung wird in eine verständliche und umsetzbare Handlung übersetzt.

03
Körperliche Gegenwehr

Die Grundlagen werden praktisch gearbeitet und unter veränderten Bedingungen überprüft.

Körperliche Gegenwehr mit verschiedenen Partnern

Unterschiedliche Partner verändern das Körpergefühl in einer Übung. Ein längerer Arm beeinflusst die Distanz, ein höheres Körpergewicht kann Bewegung erschweren und eine andere Art zuzugreifen verlangt eine Anpassung. Diese Unterschiede werden nachvollziehbar eingeführt, damit die Teilnehmerin sie praktisch kennenlernen kann.

Eine einzelne gelungene Wiederholung ist dafür ein Anfang. Danach wird dieselbe Grundlage aus einer anderen Position geübt. Die Teilnehmerin kann vergleichen, was bereits gelingt und wo sie noch auf einen bestimmten Ablauf angewiesen ist. Wenn der Widerstand steigt, wird sichtbar, ob die Bewegung mit Nachdruck ausgeführt oder kurz vor dem entscheidenden Kontakt zurückgenommen wird.

Bei Urban Defense gehört diese Arbeit zur Schlaghemmung. Der Übergang vom bekannten Bewegungsablauf zur entschlossenen Gegenwehr wird wiederholt geübt. Die Person soll ihre Möglichkeiten auch dann einsetzen können, wenn die Begegnung unangenehm und körperlich fordernd wird.

Wie die Übungen aufgebaut werden

Wird nur eine Abfolge vorgeführt, die anschließend beide Partner gemeinsam nachstellen? Oder muss die Teilnehmerin auf ein Verhalten reagieren, dessen genauer Verlauf nicht feststeht? Diese Unterscheidung ist für den Transfer entscheidend.

Ebenso relevant ist die Rückmeldung. „Sehr gut gemacht“ kann angenehm sein, erklärt aber keinen Fehler. Eine brauchbare Auswertung benennt Position, Zeitpunkt, Kontakt und die weitere Handlung. So wird erkennbar, woran die nächste Übung ansetzen sollte.

04 / Training

Forschung zu Selbstverteidigungsprogrammen

Was eine kanadische Studie untersucht hat

Senn und Kolleginnen untersuchten 2015 ein zwölfstündiges Programm bei 893 Studentinnen an drei kanadischen Universitäten. Es verband Risikoeinschätzung, das Überwinden emotionaler Hemmungen sowie verbale und körperliche Gegenwehr. Die Zuteilung zu Training oder Vergleichsgruppe erfolgte zufällig.

Berichtete Erfahrung im folgenden JahrTrainingsgruppeVergleichsgruppe
Vollendete Vergewaltigung5,2 %9,8 %
Versuchte Vergewaltigung3,4 %9,3 %

Die Ergebnisse gelten für das untersuchte EAAA-Programm. Sie lassen sich nicht als Erfolgsquote eines beliebigen Selbstverteidigungskurses verwenden. Senn et al., 2015.

Die Umsetzung an weiteren Hochschulen

Eine 2023 veröffentlichte Untersuchung betrachtete EAAA an fünf kanadischen Universitäten im regulären Hochschulbetrieb. Sie berichtete nach sechs Monaten ebenfalls weniger vollendete Vergewaltigungen bei Teilnehmerinnen. Anders als in der ersten Studie wurden die Gruppen nicht zufällig zugeteilt. Verglichen wurden Frauen, die sich angemeldet hatten und teilnahmen, mit angemeldeten Frauen, die nicht teilnahmen. Unterschiede zwischen diesen Gruppen können das Ergebnis mitbeeinflussen. Senn et al., 2023.

Die beiden Untersuchungen beantworten unterschiedliche Fragen: Die erste prüft das Programm unter den Bedingungen einer randomisierten Studie. Die zweite untersucht seine Umsetzung bei einer breiteren Gruppe im Hochschulalltag. Für die Einordnung eines Trainings ist beides interessant: Welche Inhalte werden vermittelt, und wie werden sie tatsächlich durchgeführt?

05 / Training

Selbstvertrauen und weitere Entwicklung

Selbstvertrauen durch eigene Erfahrungen entwickeln

Ein intensiver Kurs kann sich befreiend anfühlen. Dieses Gefühl ist nicht unwichtig, reicht als Leistungsmaßstab aber nicht aus. Interessant ist, welche konkrete Aufgabe nach dem Training besser gelingt und ob die Verbesserung unter veränderten Bedingungen erhalten bleibt.

Eine Teilnehmerin spricht eine Grenze deutlicher aus. Eine andere führt eine Bewegung erstmals ohne Abbruch aus. Eine dritte erkennt früher, dass sich die Position des Partners verändert. Diese Fortschritte sind unterschiedlich und können jeweils benannt werden.

Dadurch wird Selbstvertrauen an Können gebunden. Der nächste Trainingsschritt baut auf einer tatsächlichen Erfahrung auf. Weitere Wiederholungen und wechselnde Ausgangslagen vertiefen das Gelernte.

Woran sich Fortschritt nach einem Kurs zeigt

Die wichtigsten Fragen betreffen nicht nur die Zahl erinnerter Bewegungen. Kann die Teilnehmerin erklären, welche Ausgangslage eine Übung bearbeitet? Erkennt sie, wenn der Verlauf davon abweicht? Hat sie erfahren, wie sich Widerstand anfühlt und wo ihre aktuelle Umsetzung noch stockt?

Zum Abschluss werden deshalb nächste Schritte besprochen: Welche Grundlage soll wiederholt werden, welche Fähigkeit braucht weitere Begleitung und welches Szenario hat eine neue Frage aufgeworfen? So wird aus einem einzelnen Termin ein verständlicher Lernstand.

Urban Defense verbindet diese Arbeit mit einer klaren Haltung zur Gegenwehr. Frauen brauchen keine abgeschwächte Darstellung körperlicher Übergriffe. Sie brauchen eine Ausbildung, die ihre Voraussetzungen ernst nimmt und entschlossenes Handeln praktisch erarbeitet.

Wie es nach einem ersten Kurs weitergehen kann

Ein erster Kurs vermittelt einen Einstieg und zeigt persönliche Schwerpunkte. Für die weitere Planung lohnt es sich, die wichtigsten Erfahrungen festzuhalten: Welche Ansprache fiel leicht? Welche Ausgangsposition war ungewohnt? Bei welchem Kontakt wurde die Bewegung abgebrochen? Daraus lassen sich sinnvolle Inhalte für weitere Termine auswählen.

Regelmäßiges Training muss dabei nicht jedes Mal neue Techniken einführen. Bereits bekannte Grundlagen lassen sich vertiefen, indem Abstand, Partner und Beginn verändert werden. Das macht auch sichtbar, ob eine Fähigkeit nach einer Pause noch verfügbar ist.

Frauen mit Kampfsporterfahrung können vorhandenes Timing und Körpergefühl einbringen. Neu sein können die Gesprächsphase, der Beginn ohne sportliche Vorbereitung oder die Situation mit weiteren Beteiligten. Einsteigerinnen brauchen zunächst mehr Zeit für Stand, Bewegung und Kontakt. Der weitere Aufbau richtet sich nach diesem Lernstand.

06 / Training

Gruppenkurs oder Einzeltraining?

Eine Gruppe bietet unterschiedliche Partner, soziale Aufgaben und die Möglichkeit, gemeinsame Erfahrungen auszuwerten. Ein gut geführter Kurs lässt trotzdem Raum für verschiedene Lerngeschwindigkeiten. Niemand sollte nur deshalb als fortgeschritten gelten, weil der Stundenplan den nächsten Abschnitt vorsieht.

Im Personal Training können persönliche Hemmungen, körperliche Voraussetzungen und konkrete Alltagssituationen gezielter bearbeitet werden. Die direkte Rückmeldung erleichtert es, einen einzelnen Übergang häufiger zu wiederholen und die Aufgabe unmittelbar anzupassen.

Für Teams und Organisationen kann ein Inhouse-Format sinnvoll sein, wenn die gemeinsamen beruflichen Situationen im Vordergrund stehen. Die Wahl des Formats folgt also dem Lernziel und den Rahmenbedingungen. Allein das Geschlecht legt noch keinen vollständigen Lehrplan fest.

07 / Training

Der Schwerpunkt von Urban Defense

Wir arbeiten mit wenigen grobmotorischen Grundlagen und der Bereitschaft, Gegenwehr körperlich durchzusetzen. Die Inhalte werden an die Gruppe angepasst. Der Anspruch an Klarheit und Konsequenz bleibt.

Selbstbehauptung, Schlaghemmung und körperliche Aktionen werden nicht als voneinander getrennte Programmpunkte abgehandelt. Sie begegnen sich im Szenario. Die Teilnehmerinnen üben, wie sie auf ein weiteres Näherkommen oder einen körperlichen Angriff reagieren können.

Für individuelle Arbeit bietet sich Personal Training an. Für Unternehmen, Behörden und Rettungskräfte lässt sich der Schwerpunkt in einer Inhouse-Schulung vereinbaren.

Quellen
  • Senn et al.: Efficacy of a Sexual Assault Resistance Program
  • Renden et al.: Reflexbasiertes Training unter Druck
  • Senn et al.: Umsetzung des EAAA-Programms an Hochschulen (2023)