01 / Geschichte

William Ewart Fairbairn und die Polizei in Shanghai

William Ewart Fairbairn lebte von 1885 bis 1960. Nach seinem Dienst bei den Royal Marines trat er 1907 in die Shanghai Municipal Police ein. Seine langjährige Polizeiarbeit wurde zur Grundlage einer Ausbildung, die auf körperliche Auseinandersetzungen im Dienst ausgerichtet war.

Fairbairn beschäftigte sich mit verschiedenen Kampfkünsten und Kampfsportarten. Er wählte daraus Methoden aus und entwickelte einen eigenen Ansatz für die Ausbildung von Polizeibeamten. Das später als Defendu bekannte System sollte unter den Bedingungen einer tatsächlichen Konfrontation anwendbar sein.

Dieser Ausgangspunkt prägt seine Bedeutung für die Combatives: Die Ausbildung wurde nach dem vorgesehenen Einsatz aufgebaut. Schnelle Vermittlung, körperlicher Nachdruck und die Anwendung unter schwierigen Bedingungen rückten in den Vordergrund.

02 / Geschichte

Defendu: Polizeiliche Selbstverteidigung

1926 erschien Fairbairns Buch Defendu. Es dokumentierte Methoden der körperlichen Selbstverteidigung aus seinem damaligen Ausbildungskontext. Mit Scientific Self-Defence folgte 1931 eine weitere Veröffentlichung dieser frühen Entwicklungslinie.

Die Bücher zeigen eine Ausbildung, in der Schläge, Griffe und andere Formen des Nahkampfs nach ihrer praktischen Verwendung betrachtet werden. Für die Einordnung ist wichtig, an wen sich eine Methode richtete: Eine polizeiliche Festnahme verlangt andere Abläufe als ein militärischer Nahkampfauftrag.

Fairbairns Arbeit betraf außerdem die Organisation von Ausbildung und Einsatzeinheiten. Der National Park Service beschreibt ihn als früheren stellvertretenden Polizeichef in Shanghai und als Organisator einer Einheit zur Bewältigung gewaltsamer Unruhen. Seine spätere Lehrtätigkeit entstand damit aus einem umfassenderen beruflichen Hintergrund.

03 / Geschichte

Die Ausbildung im Zweiten Weltkrieg

Ab 1940 war Fairbairn in der britischen Ausbildung für die Special Operations Executive tätig. Seine Arbeit führte ihn auch nach Kanada zum Camp X. 1942 wurde er für die Ausbildung der amerikanischen Organisation unter William Donovan eingesetzt, aus der das Office of Strategic Services bekannt ist.

Der National Park Service dokumentiert seine Tätigkeit in den damaligen OSS-Ausbildungslagern. Nahkampf gehörte dort zu einem größeren Programm für besondere militärische und nachrichtendienstliche Aufgaben. Die Teilnehmer wurden auf Einsätze vorbereitet, bei denen Überraschung, Zeitdruck und ungewöhnliche Bedingungen eine erhebliche Rolle spielten. National Park Service: OSS-Ausbildung in Catoctin.

Der Sprachgebrauch dieser Ausbildung war entsprechend hart. Fairbairn lehrte körperliche Auseinandersetzungen ohne sportliche Fairnessregeln. Die militärische Zielsetzung muss beim Lesen der damaligen Handbücher mitgedacht werden. Sie erklärt ihre Auswahl und ihre direkte Ausdrucksweise.

Stationen seiner Arbeit
1907
Shanghai Municipal Police

Beginn seiner langjährigen Arbeit im Polizeidienst.

1926
Defendu

Veröffentlichung seines frühen Selbstverteidigungshandbuchs.

1940
Britische Kriegsausbildung

Ausbildung im Umfeld der Special Operations Executive.

1942
OSS und neue Handbücher

Amerikanische Ausbildung sowie Veröffentlichung von All-In Fighting und Get Tough!

04 / Geschichte

All-In Fighting und Get Tough!

Die 1942 erschienenen Werke All-In Fighting und Get Tough! gehören zu Fairbairns bekanntesten Veröffentlichungen. Sie stehen in engem Zusammenhang mit seiner Ausbildung während des Krieges. Get Tough! erschien für den amerikanischen Markt und ist mit All-In Fighting eng verwandt.

Die Darstellungen sind knapp und stark auf körperliche Anwendung ausgerichtet. Bilder zeigen einzelne Abschnitte, der Text erläutert deren Ablauf. Beim Lesen sollte man berücksichtigen, dass eine Bildfolge zwangsläufig Momente auswählt. Die Bewegung zwischen diesen Bildern und die Reaktion eines Partners werden in der praktischen Ausbildung erarbeitet.

Ein historisches Handbuch kann daher besonders gut zeigen, welche Inhalte damals ausgewählt und wie sie erklärt wurden. Für die heutige Beschäftigung lohnt sich der Vergleich mehrerer Ausgaben: Adressaten, Wortwahl und Zusammenstellung können sich unterscheiden, obwohl ein gemeinsamer technischer Hintergrund erkennbar bleibt.

05 / Geschichte

Überraschung als Bestandteil der Ausbildung

In der Dokumentation des National Park Service wird Fairbairn auch mit der Idee eines „mystery house“ beziehungsweise „house of horrors“ verbunden. Solche Anlagen sollten unerwartete Bedingungen einer Auseinandersetzung in die Ausbildung aufnehmen. Die Teilnehmer begegneten darin einer veränderten Wahrnehmungs- und Entscheidungssituation.

Der historische Gedanke dahinter ist für heutiges Szenariotraining interessant: Eine Technik wird anders gefordert, wenn ihr Beginn nicht vollständig bekannt ist. Im ruhigen Unterricht kann sich eine Person auf die Bewegung konzentrieren. In einem Szenario muss sie zunächst erkennen, was geschieht und welche Handlung dazu passt.

Für heutige zivile Ausbildung lässt sich dieser Zusammenhang mit alltagsnahen Rollen und Räumen aufgreifen. Eine Gesprächsphase, eine Engstelle oder eine laufende Tätigkeit verändert die Anfangslage. Der Inhalt orientiert sich dabei an den Anforderungen der jeweiligen Teilnehmer.

06 / Geschichte

Fairbairn, Sykes und das bekannte Kampfmesser

Fairbairns Name ist gemeinsam mit Eric Anthony Sykes auch mit dem Fairbairn-Sykes-Kampfmesser verbunden. Seine charakteristische Form ist eng mit der Geschichte britischer Commandos und des militärischen Nahkampfs im Zweiten Weltkrieg verknüpft.

Die Bekanntheit dieses Gegenstands überdeckt gelegentlich die übrige Arbeit beider Männer. Dazu gehörten Unterricht, Ausbildungsorganisation und Veröffentlichungen. Für die Geschichte der Combatives ist gerade diese Vermittlung bedeutsam: Methoden wurden in Handbüchern festgehalten und durch die Ausbildung zahlreicher Teilnehmer weitergegeben.

Fairbairns Einfluss lässt sich deshalb an mehreren Bereichen verfolgen. Polizeiliche Ausbildung, militärischer Nahkampf und spätere zivile Selbstverteidigung übernahmen jeweils unterschiedliche Teile. Die Verwendung seines Namens verweist auf diese Entwicklungsgeschichte.

07 / Geschichte

Warum sein Ansatz für moderne Combatives wichtig bleibt

Ein wesentlicher Gedanke ist die Begrenzung auf Grundlagen, die für den vorgesehenen Einsatz gebraucht werden. Ein Lehrplan muss entscheiden, welche Bewegungen früh vermittelt und welche ausführlich wiederholt werden. Gerade bei begrenzter Ausbildungszeit ist diese Auswahl entscheidend.

Ebenso wichtig ist die Verbindung mit körperlichem Nachdruck. Eine Bewegung wird nicht nur erklärt, sondern gegen Kontakt und Widerstand erarbeitet. Der Teilnehmer muss erfahren, wie sich seine Ausführung verändert, wenn der Partner nicht an der erwarteten Position bleibt.

Hinzu kommt die Bereitschaft zur Gegenwehr. Eine technisch bekannte Handlung kann trotzdem zögerlich oder unvollständig ausgeführt werden. Combatives behandelt deshalb auch den Übergang vom Erkennen eines Angriffs zur entschlossenen körperlichen Reaktion.

Diese Schwerpunkte lassen sich in heutiger Ausbildung mit Erkenntnissen über Lernen, Wahrnehmung und Stress verbinden. Historische Handbücher geben Einblick in die Entwicklung; das gegenwärtige Training arbeitet mit den tatsächlichen Voraussetzungen seiner Teilnehmer.

08 / Geschichte

Die Verbindung zu Urban Defense

Fairbairn gehört zu den historischen Einflüssen von Urban Defense. Unser System steht in der Tradition westlicher Combatives und konzentriert sich auf Selbstschutz ohne sportliches Regelwerk. Grobmotorische Grundlagen, körperlicher Nachdruck und die Bereitschaft zur Gegenwehr gehören zusammen.

Für Privatpersonen kann der Ausgangspunkt ein Gespräch oder eine plötzliche Bedrängung sein. Bei Firmen, Behörden und BOS kommen berufliche Rollen und die Zusammenarbeit mit Kollegen hinzu. Diese heutigen Bedingungen bestimmen, wie die Grundlagen vermittelt und in Szenarien angewendet werden.

Das Urban-Defense-System verbindet die körperliche Ausbildung mit Wahrnehmung und Entscheidung. Der historische Einfluss bleibt darin erkennbar: wenige gründlich erarbeitete Grundlagen und eine direkte Vorbereitung auf gewaltsame Konfrontationen.

Quellen
  • National Park Service: OSS-Ausbildung und Fairbairn